Europa-Wahl 2014

Fragestunde mit Ewald Stadler, oder: Herr Stadler erklärt uns die Welt

Am 20.03.2014 luden die REKOS zur Fragestunde mit ihrem Spitzenkandidaten, dem EU-Parlamentarier und ehemaligen FPÖ-Politiker Ewald Stadler, in das Lokal „Antique“ im 15. Wiener Gemeindebezirk. Einer Einladung, der wir selbstverständlich mit größtem Vergnügen Folge leisteten.

Die erste Überraschung des Abends stellt die Lokalwahl dar. Beim Gedanken an eine Fragestunde mit den REKOS rechnen wir mit einem altehrwürdigen Wiener Gasthaus, an Ort und Stelle finden wir allerdings eine sehr modern gestaltete Cocktailbar vor. Auch der eine oder andere Anhänger der REKOS ist davon anscheinend überrascht. Ein etwa 40-jähriger Herr im Tiroler Anzug schreitet einige Male verloren wirkend vor dem Lokal auf und ab, während er skeptisch durch die Fenster lugt, bevor er sich letztlich doch noch traut einzutreten. Bald darauf fährt auch Ewald Stadler vor und lässt es sich, wie es sich für einen konservativen Politiker wohl gehört, nicht nehmen vor Beginn der Fragestunde die gegenüberliegende Kirche genauer zu inspizieren. Deren Glocken fangen, welch ein Omen, genau zu diesem Zeitpunkt zu läuten an.

Antique

Herr Stadler und die Steinkrüge

Nachdem Herr Stadler sich ins Lokal begeben hat, entschließen wir uns, es ihm gleichzutun. Der Andrang ist relativ bescheiden, dennoch anscheinend unerwartet groß – schnell werden noch weitere Stühle herangekarrt. In der recht übersichtlichen, vorwiegend männlichen Runde, die am Höhepunkt aus ca. 50 Personen bestehen wird, wird schon bald einer seiner Mitarbeiter auf uns aufmerksam und fragt uns freundlich, aus welchem Grund wir gekommen seien. Nach einer Erklärung unsererseits eröffnet er uns sogleich die Möglichkeit, die erste Frage zu stellen, da sich sonst „am Ende alles nur um dieselben Themen dreht“. Wir sind gespannt.

Schon während der nun folgenden Eröffnung der Fragerunde durch Patrick Poppel, den Wiener Landessprecher der REKOS, der nicht unerwähnt lässt, dass er sich auf Platz 17 der Kandidatenliste seiner Partei befände (sollten die REKOS 85% erreichen, sehen wir ihn im EU-Parlament wieder), folgt der erste Seitenhieb auf die EU. Herr Poppel und Herr Stadler stoßen nämlich sogleich mit Stein-Bierkrügen an. Genau jenen, deren Verwendung in Gaststätten durch einen Beschluss der EU seit neuestem nicht mehr erlaubt ist. Nachdem Herr Stadler noch versichert, dass seiner nur mit Soda Zitron gefüllt sei, können wir auch schon mit der ersten Frage beginnen. Wir interessieren uns für wesentliche Standpunkte, durch die sich die REKOS von anderen Parteien abgrenzen wollen. Es folgen zu erwartende Hinweise auf das Parteiprogramm, die christlichen Werte, und eine Politik, die die Verantwortung vor Gott ernst nimmt. Schon eher aufhorchen lassen uns die Forderungen nach einem Rückbau der EU hinter die Maastricht-Verträge, sowie nach einer Abschaffung sowohl des Europäischen Gerichtshofs, als auch des diplomatischen Dienstes der EU, der momentan von Catherine Ashton geleitet wird.

REKOS Fragestunde

Herr Stadler auf der Krim

Schon bald kommen wir zu einem Thema, das einen großen Teil der Veranstaltung in Anspruch nehmen wird: der Krim-Krise. Sichtlich stolz erzählt Stadler, dass er gerade von einer Reise als Wahlbeobachter von der Halbinsel zurückgekehrt sei und beginnt gleich darauf einen Monolog über die Geschichte des zwischen der Ukraine und Russland umstrittenen Gebiets. Die Halbinsel, die 1954 von Nikita Chruschtschow der Ukraine angegliedert worden ist, sei urrussisch. Die Angliederung vergleicht er mit einer hypothetischen Schenkung Vorarlbergs an Liechtenstein durch den Bundeskanzler. Er wird nicht müde, die Abstimmung vom vergangenen Sonntag, über den Anschluss der Krim an Russland, als rechtmäßig zu verteidigen. Die Krim sei russisch und die EU unfähig, mit der Situation richtig umzugehen. Das Ausland müsse sich aus der Situation heraushalten, Kiew werde von Verbrechern regiert, und: „Alle Sanktionen treffen den Westen selbst. Nur nicht die USA, die uns dazu drängen“.  In Österreich verliere die VOEST gerade einen Auftrag im Wert von 1 Mrd. Euro. Nun darf auch ein kleiner Seitenhieb gegen den Bundeskanzler nicht fehlen, der keine Ahnung von Außenpolitik habe. Stadler greift das altbekannte Zitat von Angela Merkel auf, wonach Werner Faymann einen Raum ohne eine Meinung betrete und ihn mit ihrer Meinung wieder verlasse. Die Anwesenden finden das äußerst unterhaltsam und zum ersten Mal regt sich etwas in dieser Runde. Es kommt sogar ein bisschen Stimmung auf. Bisher musste man die eher im Nebenraum suchen, in dem ein Spiel der Europa League übertragen wird.

Nach dem Krim-Thema geht es munter weiter in der Weltpolitik. Eine drollig dreinschauende Dame, die uns kurz zuvor noch liebevoll eine fundamentalchristliche Broschüre überreicht hatte, erwähnt, sie wünsche sich für Syrien einen Osterfrieden. Ein hochwillkommenes Stichwort für Herrn Stadler, nun auch die russische Syrienpolitik zu verteidigen.

Es folgt eine etwas heiklere Situation. Herr Stadler, der zuvor im Hinblick auf die Krim mehrmals das Sezessionsrecht eines jeden Gebietes, sowie das Selbstbestimmungsrecht der Völker betonte, wird von einem anwesenden Kosovaren zur immer noch ausstehenden Anerkennung seines Heimatlandes durch Russland befragt. Doch hier möchte Stadler den Russen keine Vorschriften machen.

Unheilvolle Prophezeiungen

Kurz darauf bekommen wir noch einige besonders interessante Theorien zu hören. Seit 15 Jahren schon würden die Amerikaner eine Dreiteilung Russlands anstreben. Denn ohne eine Zerschlagung Russlands könnten sie auf Dauer nicht die einzige Supermacht bleiben. Desweiteren wird das Publikum auf die Warnungen der Mutter Gottes hingewiesen, die 1917 drei Hirtenkindern erschienen sei, um sie vor der russischen Revolution und den Weltkriegen zu warnen. Bei dieser Gelegenheit habe sie auch gleich Forderungen an die Menschheit gestellt. Herr Stadler warnt nun: „Alles, was die Mutter Gottes gefordert hat, wurde noch nicht umgesetzt.“ Deshalb bestehe die Gefahr eines dritten Weltkrieges. Im Raum machen sich sorgenvolle Blicke breit und auch wir sind nun geschockt. Wie kann es sein, dass ein Herr, der bei einer Wahlkampfveranstaltung den Willen der Mutter Gottes zitiert, unser Land bereits jetzt im EU-Parlament vertritt?

Nach diesem skurrilen Ausflug in die Mythologie geht man zu einem in Österreich altbewährten Thema über: Dem Brüsseler Regulierungswahn. An dieser Stelle kommen die Steinkrüge wieder zum Einsatz und Stadler behauptet, er bestelle diese nun immer in Lokalen, als Form des Widerstandes gegen Kommissionsbeschlüsse. Auch die gute alte Gurkenkrümmung bleibt selbstverständlich nicht unerwähnt und schlussendlich lässt Stadler sich noch zu einer interessanten Prophezeiung hinreißen: „Ich schwöre Ihnen, dass man nach der EU-Wahl auf Ihre Sparkonten zugreifen wird.“ Dieser Schock sitzt im Raum noch tiefer, als die Aussicht auf einen dritten Weltkrieg.

Obendrauf folgt nun eine Tirade gegen den sogenannten Estrela Bericht, der in der EU laut Stadler ein Grundrecht auf Abtreibung festlegen sollte und auch einen Passus enthalten habe, der „interaktiven Sexualkundeunterricht“ mit Kindern vorgesehen hätte. Dadurch wäre, nach Stadlers Aussage, institutionalisierter Pädophilie Tür und Tor geöffnet worden. Der Bericht wurde im Übrigen vom EU-Parlament abgelehnt, wobei Stadler es sich nicht nehmen lässt, von einer Begegnung mit Othmar Karas zu erzählen, bei der dieser ihm gesagt habe, er stimme nur gegen den Estrela Bericht, weil „Fundi-Gruppierungen“ ihn dazu zwingen würden.

Ewald Stadler

Die REKOS im Parlament und managende Mütter

Vom Thema Abtreibung ist es nicht weit zur Familienpolitik und auch hier hat Stadler einige interessante Ansichten. Denn selbstverständlich sind klassische Familien das einzige, was unsere Gesellschaft erhält, weshalb er in der Steuerpolitik Erleichterungen wie das Familiensplitting einführen möchte und auch eine Adaption des Wahlrechts in Richtung Familienwahlrecht fordert. Herr Stadler erläutert, dass er und seine Frau dann jeweils vier Stimmen hätten. Er selbst könnte auch für seine drei Söhne abstimmen und die Gemahlin für die drei Töchter. Stadler weiters dazu: „Na dann wären die REKOS schon im Parlament.“ Alle Anwesenden freuen sich.

Besonders wichtig sind Stadler die Frauen – vor allem aber in einer Rolle: jener der Hausfrauen und Mütter. Diese sollen endlich Anerkennung als Berufsbild finden, inklusive Pensionsansprüche. Denn Mütter seien Managerinnen. Hierzu erzählt Stadler als Beispiel von einer Dame aus seinem Bekanntenkreis, die es anscheinend besonders schwer hat: „Sie muss gleich zwei Häuser in Ordnung halten, der Mann braucht ständig neue Hemden.“ Nun wird uns endgültig klar, weshalb wir bei dieser Veranstaltung überwiegend Männer antreffen.

An dieser Stelle darf bei einer Veranstaltung der REKOS selbstverständlich auch das Thema Kirche nicht fehlen. Von der zeigt sich Stadler enttäuscht – die Bischöfe und Funktionäre der katholischen Kirche sind ihm nicht konservativ genug. Auf die Frage, ob er denn noch Mitglied der römisch-katholischen Kirche sei antwortet er, er lasse sich doch von Funktionären nicht aus der Organisation mit der absoluten Wahrheit herausdrängen.

Munter weiter geht es mit dem Thema Wirtschaft. Nach einer langwierigen Erläuterung über Geschichte und Philosophie des Geldes an sich, folgt eine Hetze gegen die Bankenunion: „Die Banken schaffen an und die Regierung tut, was die Banken wollen“, sowie gegen das SWIFT Abkommen, dass den USA Zugang zu Informationen über alle in der EU getätigten Transaktionen ermöglicht. Hierzu folgt eine kuriose Theorie zum Korruptionsprozess gegen Ernst Strasser. Dieser sei ans Messer geliefert worden, weil er gegen das SWIFT-Abkommen eingetreten sei. Gezielt habe man nach seiner Schwachstelle gesucht und ihn dann zum allseits bekannten Gespräch mit einem sich als Lobbyisten ausgebenden Journalisten nach London eingeladen.

Gendern mit Herrn Stadler: der/die/das Lunacek

Nach diesem kurzen Ausflug in die Wirtschaftspolitik, sowie in den Bereich der Verschwörungstheorien, folgen Ausführungen zum sogenannten Lunacek-Bericht. Dieser, nach der EU-Parlamentarierin der österreichischen Grünen benannte, Bericht fordere nach Aussagen Stadlers nicht die Gleichstellung, sondern sogar die „Privilegisierung von homosexuellen Lebensgemeinschaften“. Doch: „Die Ehe zwischen Mann und Frau ist älter als jeder Staat.“ Somit spricht er jedem Staat das Recht ab sie „durch Billigung der Homo-Ehe zu relativieren“. Im Zuge einer Tirade gegen den „Genderwahnsinn“ und das „sprachverhunzende Binnen-I“ folgt nun auch ein persönlicher Angriff gegen Ulrike Lunacek, die er unter johlenden Reaktionen der Anwesenden von nun an nur noch „der/die/das Lunacek“ nennt. Sie gehe ihm ohnehin aus dem Weg, seit er als Weihnachtsgruß jedem der 766 EU-Parlamentarier einen kleinen Kunststofffötus  als Zeichen für den Lebensschutz geschickt habe.

Auf die nun folgende Frage, ob er sich den Beitritt zu einer der Fraktionen im EU-Parlament vorstellen könnte, antwortet Stadler, er sehe die EFD (Europa für Freiheit und Demokratie) als einzige Partei, mit der er zusammenarbeiten könnte. Ein weiterer Zuhörer stellt die Frage, weshalb er durch die Gründung einer neuen Partei die Zersplitterung des rechten Lagers vorantreibe. Stadler entgegnet, er sehe die REKOS als Angebot an Menschen, die die FPÖ nicht wählen würden, weil sie antiklerikal ist. Etwas beleidigt erzählt er, bei der FPÖ habe man sich über seinen Katholizismus immer lustig gemacht. Außerdem entwickle sie sich mit dem Ausländerthema zur „Single Issue Partei“, denn Strache könne ja sonst nichts. Ein weiterer Seitenhieb gegen Strache folgt sogleich, als er die seiner Meinung nach schwache Opposition kritisiert. Diese fände es eben viel lustiger, sich auf Clubbings dem Komasaufen zu widmen und auf die Kanarischen Inseln zu reisen. Unverständnis äußert Stadler auch darüber, dass die Opposition gegen eine ebenfalls schwache Regierung nicht ankomme: „Ich hätte Faymann und Spindelegger zum Frühstück verzehrt.“

Herr Stadler, der Islam und die absolute Wahrheit

Zu guter Letzt darf bei einer solchen Veranstaltung natürlich auch das Thema Islam nicht fehlen. Hierzu hat Stadler so einiges zu sagen, zum Beispiel: „Eine falsche Religion zu haben ist das Recht auf Irrtum“ und: „Ich sag das allen meinen muslimischen Freunden: Ihr seids im Irrtum.“ Er äußert sich auch gegen jeglichen interreligiösen Dialog und ist sich sicher, dass Gott uns die absolute Wahrheit im Evangelium offenbart hat. Der Islam sei inkompatibel mit Europa und es sei die Aufgabe eines jeden Christen, Menschen anderen Glaubens zu  missionieren. Der Islam sei die „Antithese zu Europa“.

Nachdem auch dieser wichtige Punkt der Tagesordnung abgehakt ist, nähert sich die Veranstaltung nach drei teilweise äußerst kuriosen Stunden ihrem Abschluss. Am Ende dürfen wir Herrn Stadler noch vor seinen mobilen Wahlplakaten fotografieren – selbstverständlich darf auch der Steinkrug nicht fehlen. Der Herr links im Bild hatte uns zuvor noch angeboten, ein Foto von uns mit Herrn Stadler zu machen – „für Facebook“. Wir lehnen dankend ab, zeigen uns aber dennoch überrascht, dass auch die erzkonservative Politik schon im Zeitalter der neuen Medien angekommen zu sein scheint.

Stadler mit Steinkrug