Blick hinter die Kulissen: Wahlkampfzentralen SPÖ & ÖVP

Hinter jedem Spitzenkandidaten in jedem Wahlkampf steht ein Wahlkampfteam. Ein Besuch der Wahlkampfzentralen von SPÖ und ÖVP zeigt: Wahlkampfarbeit kann sehr unterschiedlich sein.

Ort: Wahlkampfzentrale der ÖVP. Doch die Partei ist nicht das erste, was heraussticht. Egal, wo man hinsieht: Othmar Karas. Bilder von ihm zieren die Wände im Eingangsbereich der Wahlkampfzentrale und eine auf den ersten Blick real wirkende Pappfigur bestärkt das Gefühl, beobachtet zu werden. Etwas unheimlich, zugegeben. Doch zumindest ist von Anfang an klar, worum es geht. Das Wahlkampfbüro ist wie eine Wohnung aufgeteilt und dementsprechend strukturiert. In den Zimmern befinden sich verschiedene Büroabteilungen mit jeweils unterschiedlichen Aufgabenbereichen.

Othmar Karas is watching you: Die Pappfigur im Eingangsbereich

Im Gegensatz dazu steht die SPÖ-Zentrale: Ein Großraumbüro, in dem alles eher schlicht gehalten ist. Beim Betreten des Büros lässt auf den ersten Blick nicht viel darauf schließen, dass hier das Wahlkampfteam von Eugen Freund, dem Spitzenkandidaten der SPÖ, sitzt.

Das Großraumbüro der SPÖ

Dieser Unterschied könnte darin seine Gründe haben, dass sich das Wahlkampfbüro der Sozialdemokraten im gleichen Gebäude wie das der Bundespartei befindet. Bei der Volkspartei gibt es eine örtliche Trennung zwischen Wahlkampfzentrale und Bundessitz der ÖVP. Gemeinsam ist den beiden Parteien demgegenüber ihr aufgeschlossenes und freundliches Arbeitsklima sowie ihre Gastfreundschaft.

Die SPÖ setzt auf Inhalte

Raphael Sternfeld, Kommunikationsleiter von Eugen Freund und Jessica Müller, Bundesvorsitzende der VSStÖ (Verband sozialistischer Student_innen in Österreich) bieten gleich zu Beginn eine große Auswahl von Getränken an und auch bei der ÖVP sorgen Wahlkampfleiter Andreas Würfl und seine Assistentin Johanna Sperker mit Croissants und dergleichen für das leibliche Wohl ihrer Besucher. Die Unterschiede werden dann wieder in der Präsentation ihres Wahlkampfes und ihrer Wahlkampfstrategien deutlich. Bei der SPÖ bleibt Kommunikationsleiter Sternfeld eher inhaltlich, konkrete Wahlkampfstrategien treten in den Hintergrund. Er spricht über Dinge wie Verteilung, Gerechtigkeit, Sparpolitik und erklärt: „Wir sagen ja zu Europa als Friedensprojekt, aber nein zur falschen Politik“. Konkret kritisiert der Kommunikationsleiter damit die neoliberalen Auswüchse in der EU. Auch Jessica Müller nennt handfeste Beispiele, wo die Jugendorganisation der SPÖ inhaltlich steht. Sie geht auf die prekäre Lage der Sinti und Roma in Ungarn ein, erklärt die Illegalisierung des Schwangerschaftsabbruchs in Spanien als nicht haltbar in einer sozial-demokratischen EU-Familie und nennt Homophobie als Beispiel für die Missachtung menschenrechtlicher Grundsätze. „Das sind Dinge, die sich in Europa ändern müssen“, betont Müller. Man merkt, dass dies der jungen Frau wirkliche Herzensangelegenheiten sind.

Raphael Sternfeld und Jessica Müller im Gespräch

Die ÖVP setzt auf ihren Spitzenkandidaten

In der ÖVP-Zentrale erklärt Johanna Sperker dagegen anhand eines Flipcharts differenziert die verschiedenen Abteilungen des Wahlkampfbüros und ihre Aufgabenbereiche – es geht um Wahlkampfstrategien, inhaltliches bleibt außen vor. So detailliert, strukturiert und kontrolliert die Präsentation Sperkers ist, so ist auch die Organisation im Büro und die Wahlkampfführung bis ins kleinste Detail geplant. Nichts wird dem Zufall überlassen.

Johanna Sperker erklärt Aufbau und Struktur der Wahlkampfzentrale

Ihr Spitzenkandidat steht in der Rangordnung ganz oben, darunter befinden sich das Office, die Zielgruppenbetreuung (ZG), das Unterstützerkomitee (UK), eine Telefonaktion (TA) sowie eine Social Media-Abteilung, in der unter anderem Facebook und Twitter betreut werden. Wobei auch „Othmar Karas selbst postet und twittert“, wie Paul Schmidinger, Leiter des Web-Auftritts betont. Die Aufgabe der ZG, der TA und des UK ist es, Wähler zu mobilisieren bzw. Unterstützer auf der eigens dafür eingerichteten Homepage freizuschalten. „Eine gute Vorbereitung ist alles“ erklärt Sperker und hat damit ja auch irgendwie Recht.

Psychische vs. physische Anwesenheit

Beim Rundgang durch die genannten Abteilungen wird eines wieder deutlich: Othmar Karas, überall. An jeder Wand hängen Fotos von ihm. Er ist für die Mitarbeiter psychisch praktisch immer anwesend.

Bilder von Othmar Karas in der Wahlkampfzentrale der ÖVP

Eugen Freund ist für seine Kollegen dagegen eher physisch zugegen. Der Spitzenkandidat der SPÖ hat in ihrem Großraumbüro einen eigenen Schreibtisch inmitten seiner Mitarbeiter. Man erkennt ihn an einer Blume auf dem Tisch. Hierarchie Fehlanzeige.

Schreibtisch von Eugen Freund im Großraumbüro der SPÖ

Und bei der SPÖ wird von Kommunikationsleiter Sternfeld im Gegensatz zur ÖVP der Straßenwahlkampf als wichtigstes Instrument in der Wahlkampfarbeit genannt. „Jedes Gespräch ist mehr wert als tausend Flyer“ meint Müller dazu.

Unterschiedliche Wahlkampfstrategien

Der Unterschied zwischen ÖVP und SPÖ wird beim Besuch der beiden Zentralen deutlich: Schlussendlich basiert die Wahlkampfstrategie der ÖVP auf der Sympathie für den Spitzenkandidaten. Es wird weniger Wert auf Inhalte gelegt, als darauf, Stimmen durch die Person Othmar Karas selbst zu gewinnen. Und die ÖVP-Wahlkampfzentrale ist zuversichtlich, dass dies auch gelingen wird. Anders im Wahlkampfbüro der SPÖ: Natürlich stehen auch sie ganz klar hinter ihrem Spitzenkandidaten Eugen Freund, der Wahlkampf vollzieht sich aber eher auf inhaltlicher Ebene. Welche Strategie bei den Wählern besser ankommt, bleibt abzuwarten und wird sich am 25. Mai zeigen. Dann ist EU-Wahl.

Ein Beitrag von Sophia Dollsack und Linda Pfeifenberger


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