Europa-Wahl 2014

Podiumsdiskussion bei der K.Ö.St.V Gothia – Fakten, Verbindungen und flotte Sprüche

Es ist Freitagabend und es schüttet wie aus Kübeln. Anstatt das Sofa zu belagern, gingen wir zur Podiumsdiskussion  in den Räumlichkeiten der K.Ö.St.V. Gothia zu Wien, denn die dort geladenen Gäste ließen uns aufhorchen. Eine katholische Studentenverbindung hält eine Wahlkampfveranstaltung ab?! – Wir ließen uns davon nicht irritieren und wurden mit einigen Aha-Erlebnissen belohnt.

Eingeladen waren Hans-Peter Martin (fraktionsloser Abgeordneter), Martin Ehrenhauser (Europa Anders, Listenplatz: 1), Robert Marschall (EU-STOP, Lp: 1), Barbara Kappel (FPÖ, Lp: 4), Szabolcs Nagy (NEOS, Lp: 6), Sascha Ernszt (SPÖ, Lp: 11), Theresia Leitinger (ÖVP, Lp: 13), Emmanuel Ockay (REKOS, Lp: 18) und als Moderator Andreas Unterberger. Diese Liste war insofern interessant weil sich zum Beispiel Ehrenhauser und Martin im Streit befinden,  Leitinger auf ihrem Motorrad und mit Graffities um Stimmen warb, Kappl auch beim Tennisspielen eine gute Figur macht und Unterberger mit seinem politischen Bezahlblog auch nicht unumstritten ist.

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© Copyright by K.Ö.St.V. Gothia zu Wien im MKV

Der Veranstaltungsort war die Bude der KÖStV Gothia im 4. Bezirk. Dort angekommen erfüllte die Gothia nicht das gemeine Klischee einer Verbindung. Keine schwer alkoholisierten Schmissträger mit Säbel am Ausgehrock. Klar, denn die Gothia ist nämlich keine schlagende Verbindung und, obwohl katholisch, achten sie auf politische Ausgewogenheit. So hatten sie unter anderem zur vergangenen Nationalratswahl ebenfalls eine Podiumsdiskussion ausgerichtet. Mit den rechten Burschenschaften will die Gothia, die übrigens heuer ihr 105 jähriges Bestehen feiert,  erst gar nicht in Verbindung gebracht werden. Bier gab es zum Glück trotzdem.

Ziele an konkreten Beispielen erklärt

Leider kam es bei den Gästen zu ein paar Änderungen. Martin sagte ab, Marschall musste einen Termin in Graz wahrnehmen und schickte Gerald Grüner (EU-STOP, Lp: 3), von den Grünen kam Jakob Schwarz (Die Grünen, Lp: 6), Ockay kam zu spät und Ehrenhauser kam erst gar nicht. Auf der Publikumsseite waren etwa zwanzig Leute von denen gut zwei drittel Verbindungsfarben trugen. Der Obmann der Gothia, Georg Paschinger, sprach noch ein paar einleitende Worte, stellte die Gäste vor und übergab dann Unterberger das Wort, der gleich den Ablauf festlegte: Er stellt Fragen und diese sollen reihum von den Kandidaten möglichst kurz beantwortet werden. Gefragt wurden die Haltungen der Kandidaten zu Themen wie EU-Austritt, ESM, Türkeibeitritt, Verträge, Wahlrecht, Richtlinien u.ä.. Die etwa zwanzig Fragen waren gut gewählt um ein Bild von den Zielen und Thematiken der einzelnen Parteien zu geben.

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Unterberger ist sowohl Segen als auch Fluch

Unterberger moderierte knallhart. Er nötigte die acht Kandidaten, mit Blick auf die Uhr, zu präzisen und knappen Antworten. So konnten innerhalb einer Stunde viele Themengebiete mit einem Satz oder, im Idealfall, mit einem einfachen Ja oder Nein abgedeckt werden. Sehr zum Leitwesen von Grüner, der eigentlich mit einigen witzigen Bemerkungen (zum Beispiel dem „EU-Beitritt Chinas“) punkten wollte, da sein Parteiprogramm meist nur ein „Nein, wir fordern den Austritt Österreichs“ als Antwort zuließ.  Auch ließ Unterberger keine Diskussionen unter den Kandidaten zu, was insofern schade war, da Leitinger zwischendurch ihre Kontrahenten mit bissigen, aber sehr guten Fragen, unter Druck setzte. In den Abschlussplädoyers konnte Szabolcs mit Fachkenntnissen zu TTIP und Ernszt mit seiner Vision eines geeinten Europas anstatt der „Wir-homm-ka-Göd-Mentalität“ punkten.  Bei den Publikumsfragen überraschten die Mitglieder der Gothia, denn ihre fundierten Fragen setzten unter anderem Ockay schwer zu. Sie konnten als direkte Kritik an den nicht sehr christlichen Werten, in Punkto Nächstenliebe der REKOS und im besonderen die Pensionsansprüche des Spitzenkandidaten Ewald Stadler verstanden werden.

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Würstel, Bier und Listenplätze

Nach der Schlussrunde kamen wir bei Bier und Würsteln mit den noch Anwesenden ins Gespräch. So erfuhren wir zum Beispiel, dass Leitinger Mitglied in der Grazer Mädelschaft C.Ö.St.V Academia Graz ist und dass sie heute von ihrem bald Ehemann begleitet wurde. Die am Tisch liegenden Wahlgeschenke der Grünen, Blumensamen (die man nicht essen sollte) und (zweckentfremdete) Fahrradsattelhauben sorgten für allgemeine Belustigung. Etwas später stellte sich mir noch ein Herr vor, der zuvor eine Frage zum Thema Landwirtschaft an die Kandidaten richtete. Es war Markus Faschingleitner der für die REKOS mit Listenplatz 23 antritt und ebenfalls Mitglied in einer Verbindung ist. Sein weit hinten gereihter Listenplatz macht ihm übrigens nichts aus denn er ist zuversichtlich, dass er genügend Vorzugsstimmen bekommen wird. Insgesamt war die Veranstaltung sehr gelungen und die Kombination von politischen Inhalten mit heißen Würsteln, kühlem Bier und Budencharme hätte den einen oder anderen, noch Unentschlossenen, die Wahl am nächsten Sonntag bestimmt erleichtert.