Europa-Wahl 2014

Kommentar: ESC-Sieg und die EU-Wahl. Jetzt geht’s um die Wurst!

Conchita Wurst gewinnt mit einem herausragenden Ergebnis den Eurovision Song Contest. Auch die Politik versucht dieses mediale Großereignis für sich zu nutzen. Die Kandidaten zur EU-Wahl sind da keine Ausnahme. Jetzt, da es um den ESC-Sieg ruhiger wird und die Wahl vor der Tür steht, ist es Zeit die Vorkommnisse noch einmal aufzuarbeiten.

Strache Vilimsky Plakat verwurstet

Schon im Vorfeld des ESC gingen die Wogen um Conchita Wurst als Österreichs Vertreter beim ESC hoch. Unter den EU-Kandidaten bildeten Vilimsky/Strache, die beiden gibt es ja anscheinend nur im Doppelpack, die Speerspitze der Ablehnung gegen Wurst. Strache bezeichnete Wurst als „Es“ und er und Vilimsky stießen sich daran das Wurst vom ORF bestimmt und nicht von den Zuschauern gewählt wurde. (Naja, das hat ja bei den Trackshittaz so gut funktioniert. Die haben beim zweiten Versuch im Halbfinale des ESC den letzten Platz erreicht – Immerhin haben Sie auf Deutsch gesungen.) Ewald Stadler hielt sich zu diesem Zeitpunkt noch zurück. So sagte er zum Beispiel am Vortag des ESC im Standard-Chat über Conchita Wurst: „Ich empfinde seinen Auftritt eher skurrill. […] Das Lied selbst gefällt mir durchaus gut“. Lunacek von den Grünen und Grosz vom BZÖ begrüßten den Start von Wurst beim ESC, unter anderem begründeten sie das damit, dass sie in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften leben. Von anderen Kandidaten war wenig zum Thema zu hören.

Dann kam der Sieg

Am Tag nach dem ESC ging es dann rund. Othmar Karas gratulierte, im Gegensatz zu seinem Parteichef nicht Thomas Neuwirth, sondern Conchita Wurst. Eugen Freund gratulierte auch überschwänglich und betonte noch einmal, dass er gegen jede Art der Diskriminierung ist. Doch dann kam das nicht ganz Unerwartete. Strache vollzog eine Kehrtwende und gratulierte mit spürbarem Unmut. Der sonst so Wortgewandte stolperte dabei sogar über seine, für einige Facebookfollower, zu hochgestochene Formulierung. Vilimsky konnte sich zu keiner eindeutigen Gratulation durchringen. Er hätte trotzdem lieber einen von der Bevölkerung gewählten Vertreter der auf Deutsch singt (Zitat: „Englisch ist so uniform“) beim ESC gesehen, so wie Udo Jürgens damals. Blöd nur, dass jener auch nicht gewählt wurde und mit dem Titel „Merci Cheri“ gewonnen hat. Stadler ging während dessen in eine andere Richtung. Der anfangs noch so sanfte Stadler konnte sich vor Wut überhaupt nicht mehr halten, er trug das Thema sogar ins Jenseitige. Fast täglich äußerte er seinen Unmut über Conchita Wurst.

„Das ist so grottenpeinlich“

Für Stadler sind der ESC und dessen Zuschauer politisch vereinnahmt, blasphemisch und medial gesteuert worden. Er schäme sich für den Sieg beim ESC und rief sogar eine Pressekonferenz zum Thema „Wurst-Theater – Zeitgeistverdummung“ in Graz ein bei dem er unter anderem dem Bundespräsidenten einen Kniefall vor dem „Conchita-Anbetungsverein“ unterstellte. Es störte ihn beim ESC, eines seiner Lieblingsthemen, die „gezielte Russophobie“. Auch haben wir uns, laut Stadler alle schon einen Platz im Fegefeuer verdient. Nur Grosz forderte per Aussendung ein Ende der politischen Vereinnahmung des ESC-Sieges und versuchte dabei Stadler mit seinen eigenen, tief katholischen Aussagen entgegen zu treten. „Neid ist eine Todsünde! Herr Stadler“ und Wurst hätte in drei Minuten mehr für Österreich geleistet als Stadler in 30 Jahren Politkariere, ließ er per Presseaußendung mitteilen. Die Reaktion von Grosz überrascht nicht, da er zu den wenigen geouteten homosexuellen Politikern in Österreich zählt. Allerdings haben Grosz und Stadler auch eine gemeinsame Vergangenheit im BZÖ. Im Zuge der Ernennung Groszs zum BZÖ-Obmann, wurde Stadler aus der Partei ausgeschlossen. Stadler sagte damals, dass er „sicher nicht“ unter Grosz zur EU-Wahl antreten würde. Er macht auch keinen Hehl daraus, dass er Homosexualität, zumindest zu einem gewissen Prozentsatz, als heilbar betrachtet und es seiner Meinung nach keine Gleichstellung für Homosexuelle geben darf.

Politisierung von Ereignissen

Das große mediale Ereignisse für politische Zwecke vereinnahmt werden ist in Österreich schon Tradition. Auf Anfrage konnten renommierte Meinungsforschungsinstitute leider nur mitteilen, dass es zum Einfluss von medialen Großereignissen auf Wahlen keine Erhebungen gibt. Nur Frau Cvrtila von der OGM Gesellschaft für Marketing schrieb, dass „Auch wenn […] sich Umfragen und die Werte einzelner Parteien vor und nach dem ESC verändert haben, so ist dies sicher nicht auf den ESC zurückzuführen […]“. Daher bleibt uns nichts anderes übrig als auf die Ergebnisse der Wahl zu warten. Man kann von Conchita Wurst halten was man will, Fakt ist, dass ein überaus sympathischer Travestiekünstler seinen Mut vor ganz Europa bewiesen hat und damit ein Statement für Toleranz setzte. Das dessen Leistung für schnöden Wahlkampf verwendet wurde ist unfair, denn manche warfen dabei mit Aussagen um sich die nicht einmal einer politischen Bühne würdig sind.